Google wird zur Werbemaschine: Warum selbst Platz 3 bei Google plötzlich weit unten liegen kann

AllgemeinGoogle AdsNewsletter 03. Oktober 2026

Google wird zur Werbemaschine: Warum selbst Platz 3 bei Google plötzlich weit unten liegen kann

Von Felix Wenzel, Geschäftsführer der AdPoint GmbH

Wer bei Google auf Platz 1, 2 oder 3 steht, hat im SEO eigentlich vieles richtig gemacht. Noch vor einigen Jahren bedeutete eine Top-3-Platzierung bei einer wichtigen Suchanfrage praktisch automatisch: hohe Sichtbarkeit, viele Klicks und entsprechender Traffic. Doch die Google-Suche verändert sich.

Ein aktueller Test, den wir am 1. Oktober 2026 bei der Suche nach „Immobilienmakler Wolfsburg“ beobachten konnten, zeigt sehr eindrucksvoll, wohin die Entwicklung gehen könnte. Auf einem Desktop-Bildschirm erscheinen bei dieser Suche auf den ersten Blick sieben unterschiedliche Werbeplatzierungen – bevor überhaupt ein klassisches organisches Suchergebnis sichtbar wird. Und besonders bemerkenswert ist nicht nur die Menge der Werbung, sondern wie Google sie präsentiert.

Sieben Anzeigen auf einem Bildschirm – ohne zu scrollen

Bei unserem Test bestand der obere Bereich der Suchergebnisse zunächst aus einem neuen beziehungsweise zumindest in dieser Ausprägung ungewöhnlichen Modul: „Gesponserte Orte“ Google zeigt mehrere Immobilienmakler horizontal nebeneinander an. Zu sehen sind:

  • Unternehmensfoto
  • Firmenname
  • Sternebewertung
  • Anzahl der Bewertungen
  • Kategorie „Immobilienmakler“
  • Öffnungsstatus

Optisch erinnert das sehr stark an klassische Google-Unternehmensprofile beziehungsweise das bekannte Local Pack. Der entscheidende Unterschied befindet sich lediglich in der Überschrift: „Gesponserte Orte“. Darunter folgen unmittelbar die klassischen „Gesponserten Ergebnisse“ mit drei weiteren Anzeigen. Auf unserem großen Desktop-Monitor waren damit gleichzeitig sichtbar: 4 gesponserte Unternehmensprofile + 3 klassische Google-Ads-Anzeigen = 7 Werbeplätze. Und noch immer war kein klassisches organisches Suchergebnis zu sehen.

Rund drei Viertel des sichtbaren Suchbereichs bestehen aus Werbung

Wir haben uns den Screenshot einmal geometrisch genauer angesehen. Wenn man Browserleiste und Windows-Taskleiste herausrechnet und nur den tatsächlich verfügbaren Google-Suchbereich betrachtet, beginnt der Werbebereich ungefähr im oberen Drittel des sichtbaren Fensters und reicht praktisch bis an dessen unteren Rand.

Damit werden in diesem konkreten Beispiel grob 70 bis 80 Prozent der vertikal nutzbaren Ergebnisfläche „above the fold“ von werblichen Elementen beziehungsweise deren unmittelbarer Darstellung beansprucht. Das ist eine wichtigere Kennzahl als der reine Flächenanteil am gesamten Monitor.

Denn auf einem breiten Desktop befindet sich rechts viel ungenutzter Weißraum. Für einen Google-Nutzer zählt aber nicht die mathematische Gesamtfläche des Monitors, sondern: Was sehe ich innerhalb der Ergebnis-Spalte, ohne zu scrollen? Und dort dominiert die Werbung nahezu vollständig.

Der eigentliche Coup: Werbung sieht immer weniger nach Werbung aus

Aus Marketingsicht finde ich einen anderen Aspekt noch interessanter. Google Ads waren früher relativ leicht erkennbar. Man hatte klassische Textanzeigen und daneben beziehungsweise darunter organische Ergebnisse. Die Grenzen waren optisch klar. Heute verschwimmen sie zunehmend.

Bei den „Gesponserten Orten“ werden genau diejenigen Signale verwendet, die Nutzer aus der organischen lokalen Suche kennen: Bilder. Bewertungen. Sterne. Standortbezug. Öffnungszeiten. Unternehmensnamen. Das Format besitzt dadurch eine völlig andere psychologische Wirkung als eine klassische Textanzeige. Der Nutzer sieht nicht zuerst: „Hier kommt Werbung.“ Er sieht zunächst: „Hier sind Immobilienmakler aus Wolfsburg.“

Erst die Kennzeichnung „Gesponserte Orte“ macht deutlich, dass für diese prominente Sichtbarkeit bezahlt wird. Das ist aus Googles Sicht ausgesprochen clever.

Drei Werbeebenen innerhalb einer einzigen Suchreise

Der vollständige Screenshot wird noch interessanter. Denn Google beschränkt Werbung offenbar nicht mehr zwingend auf einen einzelnen Anzeigenblock am Anfang der Ergebnisse. In unserem Beispiel sehen wir:

Ebene 1: gesponserte lokale Unternehmen ganz oben.

Ebene 2: klassische Google-Ads-Anzeigen direkt darunter.

Danach folgen unter anderem das lokale Unternehmensmodul, weitere Websites, organische Ergebnisse und „Weitere Fragen“. Und anschließend erscheint noch einmal ein Block „Gesponserte Ergebnisse“. Dadurch begegnet dem Nutzer Werbung nicht nur am Anfang seiner Suche, sondern erneut während des Scrollens. Google baut damit gewissermaßen Werbeinseln in die gesamte Customer Journey innerhalb der Suchergebnisse ein.

Bis zu neun bezahlte Platzierungen auf dem Weg zu den organischen Ergebnissen

Zählt man die im untersuchten Suchverlauf sichtbaren Werbeformate zusammen, kann ein Nutzer bereits mit bis zu neun bezahlten Einträgen konfrontiert worden sein, bevor er weiter in die klassischen organischen Treffer vorgedrungen ist. Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Nicht jeder Nutzer sieht zwangsläufig dieselbe SERP.

Google testet ständig verschiedene Darstellungen. Standort, Gerät, Bildschirmgröße, Suchhistorie, Auslastung des Anzeigenmarktes und weitere Faktoren können die Darstellung verändern. Unsere Aufnahme ist deshalb kein Beweis dafür, dass Google bei jeder lokalen Suchanfrage dauerhaft neun Anzeigen zeigt. Sie zeigt aber sehr deutlich, was Google technisch und kommerziell inzwischen bereit ist, auf einer Ergebnisseite unterzubringen. Und genau diese Entwicklung sollten Unternehmen ernst nehmen.

Platz 3 ist nicht mehr gleich Platz 3

Das verändert auch die Interpretation von SEO-Rankings fundamental. Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Ein Immobilienmakler steht bei Google organisch auf Position 3. Im klassischen SEO-Reporting sieht das hervorragend aus: Keyword: Immobilienmakler Wolfsburg – Position: 3

Das Problem: Der Nutzer sieht möglicherweise zunächst 4 gesponserte lokale Unternehmen, danach 3 klassische Anzeigen, anschließend ein Local Pack, weitere Google-Module, später eventuell noch einmal Werbeanzeigen und erst anschließend das vermeintlich hervorragende organische Ergebnis. Algorithmisch steht die Website vielleicht auf Platz 3. Visuell kann sie jedoch wesentlich weiter hinten liegen. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Das klassische Ranking verliert als alleinige KPI an Aussagekraft

Deshalb halte ich es inzwischen für gefährlich, SEO-Erfolg ausschließlich mit Rankings zu messen. Eine Position sagt noch nicht, welche reale Sichtbarkeit ein Unternehmen besitzt. Wir müssen zukünftig stärker unterscheiden zwischen:

Ranking Position
Wo ordnet Google die URL algorithmisch ein?

Pixel Position
Wie weit vom oberen Bildschirmrand befindet sich das Ergebnis?

Scroll Depth
Wie weit muss ein Nutzer scrollen?

SERP Visibility
Wie viele Google-Module und Anzeigen liegen davor?

CTR
Wie viele Nutzer klicken das Ergebnis tatsächlich noch?

Eine organische Position 3 kann bei einer wenig kommerziellen Suche weiterhin extrem wertvoll sein. Bei einer stark kommerziellen lokalen Suche kann dieselbe Position dagegen deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten.

Google monetarisiert Suchintention

Die Entwicklung ist eigentlich logisch. Eine Suche wie „Immobilienmakler Wolfsburg“ besitzt einen hohen wirtschaftlichen Wert. Hinter einem einzigen gewonnenen Kunden können mehrere Tausend oder sogar Zehntausend Euro Umsatz stehen. Genau deshalb besitzt diese Suchanfrage auch einen hohen Wert für Google. Je stärker die kommerzielle Absicht des Nutzers ist, desto größer ist Googles Möglichkeit, diesen Moment zu monetarisieren.

Aus Sicht eines börsennotierten Unternehmens ist das nachvollziehbar. Für Unternehmen bedeutet es allerdings: Der Kampf um Aufmerksamkeit findet nicht mehr ausschließlich zwischen Wettbewerbern statt. Er findet zunehmend auch gegen Googles eigene Produkte und Werbeflächen statt.

SEO gegen SEA auszuspielen ergibt immer weniger Sinn

Dabei wäre die falsche Konsequenz zu sagen: „SEO funktioniert nicht mehr.“ Das Gegenteil ist der Fall. Gute organische Rankings bleiben außerordentlich wertvoll. Aber SEO und Google Ads sollten bei kommerziellen Suchbegriffen immer weniger als getrennte Disziplinen betrachtet werden. Ein Unternehmen kann heute gleichzeitig präsent sein:

  • in den gesponserten lokalen Ergebnissen,
  • über klassische Search Ads,
  • im Google-Unternehmensprofil,
  • im Local Pack,
  • in den organischen Suchergebnissen.

Das bedeutet im Idealfall nicht SEO oder SEA, sondern: maximale SERP-Dominanz. Wenn eine Marke mehrfach innerhalb einer Suchergebnisseite erscheint, steigt nicht nur die Zahl möglicher Kontaktpunkte. Auch Markenwahrnehmung und Vertrauen können davon profitieren.

Wer Google Ads komplett ignoriert, überlässt die sichtbarsten Plätze dem Wettbewerb

Für Unternehmen mit kommerziell wertvollen Keywords ergibt sich daraus eine unangenehme Wahrheit. Man kann jahrelang in SEO investieren, hervorragende Inhalte erstellen, Backlinks aufbauen und Position 1 bis 3 erreichen. Und trotzdem können Wettbewerber durch Werbung oberhalb dieser Position erscheinen.

Bei unserem Wolfsburger Beispiel sogar mehrfach. Deshalb sollte sich jedes Unternehmen zumindest die Frage stellen: Kann ich es mir leisten, genau in dem Moment unsichtbar zu sein, in dem ein potenzieller Kunde aktiv nach meiner Leistung sucht? Bei vielen Branchen dürfte die Antwort zunehmend lauten: nein.

Google ist weiterhin eine Suchmaschine – aber eine zunehmend kommerzialisierte

Natürlich wäre es überzogen zu behaupten, Google sei keine Suchmaschine mehr. Milliarden Suchanfragen werden weiterhin beantwortet und organische Suchergebnisse bilden nach wie vor einen fundamentalen Bestandteil des Systems. Doch bei kommerziellen Suchanfragen verschiebt sich die Gewichtung sichtbar.

Unser Screenshot von „Immobilienmakler Wolfsburg“ zeigt exemplarisch eine SERP, bei der ein erheblicher Teil der wertvollsten Bildschirmfläche zunächst durch bezahlte Platzierungen belegt wird. Und Google gelingt dabei etwas Entscheidendes: Die Werbung integriert sich immer natürlicher in die Sucherfahrung. Der Übergang zwischen bezahlter Sichtbarkeit, Google-Unternehmensprofilen und organischer Suche wird immer fließender.

Für Nutzer wirkt die Suchmaschine dadurch weiterhin vertraut. Für Google entstehen zusätzliche Werbeflächen. Und für Unternehmen entsteht zusätzlicher Wettbewerbsdruck.

Mein Fazit

Nach vielen Jahren im Performance Marketing sehe ich hier eine Entwicklung, die Unternehmen nicht unterschätzen sollten. Ein gutes organisches Ranking bleibt wichtig. Aber ein Ranking allein garantiert keine prominente Sichtbarkeit mehr. Wenn sieben Anzeigen bereits den ersten sichtbaren Desktop-Bereich dominieren und weitere Anzeigen während des Scrollens folgen, verändert sich das Kräfteverhältnis innerhalb der Google-Suche.

Die entscheidende Frage lautet deshalb künftig nicht mehr nur: „Auf welchem Platz stehen wir bei Google?“ Sondern: „Wie viel tatsächliche Bildschirmpräsenz besitzen wir, wenn unser potenzieller Kunde sucht?“ Und gerade bei kommerziellen Suchbegriffen wird Google Ads deshalb für viele Unternehmen vom zusätzlichen Marketingkanal zunehmend zu einem elementaren Bestandteil der Google-Sichtbarkeit.

 


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